Digitale Teilhabe 65 plus

Beobachtungen, Gedanken, Fragen und Tipps
zur Überwindung der Alterslücke bei der Nutzung von digitalen Medien

Portrait: Herbert Kubicek
Prof. Dr. Herbert Kubicek
Jahrgang 1946
Über mich
13.05.2026

Cyberkriminalität subjektiv und objektiv – Neue Umfrage und neue Statistik zeigen weiterhin unzureichende Schutzbereitschaft

Diese Woche sind die Ergebnisse des diesjährigen Cybersicherheitsmonitors vorgestellt worden. Sie stammen aus einer Umfrage, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) seit 2023 jährlich zusammen mit dem Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) durchführt. Im Großem und Ganzen zeigen sich keine signifikanten Veränderungen gegenüber den Vorjahren in den Angaben der befragten Bürgerinnen und Bürger. Ebenfalls in dieser Woche hat das Bundeskriminalamt das "Bundeslagebild Cybercrime 2025" veröffentlicht. Bei einzeln Straftaten wird ein Anstieg um 25% festgestellt. Hat sich doch was verändert? Und es gibt weitere Unterschiede zwischen den Umfrageergebnissen und den statistischen Daten. Aber man kann auch eine Gemeinsamkeit sehen: Betroffene und Geschädigte tragen eine Mitschuld, weil sie trotz jahrelanger Warnungen und Empfehlungen zu wenig zu ihrem Schutz und dem ihrer Systeme tun.

Der Cybersicherheitsmonitor

Seit 2023 erscheint jährlich eine Studie des Programms Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) und des BSI. Dazu wurden in diesem Jahr 3.060 deutschsprachige Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahre zu ihrem Informations-und Schutzverhalten sowie den persönlichen Erfahrungen mit Cyberkriminalität befragt.

Persönliche Betroffenheit

Die Schlagzeile in den Medien, entsprechend der Pressemitteilung lautete: „Jede bzw. jeder Zehnte hat im Vorjahr Cyberkriminalität erlebt." Schwer zu sagen, ob das viel oder nicht so viel ist. Aber man kann eindeutig feststellen, ob das mehr oder weniger ist als in den Vorjahren. Die Antwort: Beides! Ein Prozentpunkt mehr als im Vorjahr, ein Prozentpunkt weniger als vor drei Jahren. Der gleitende Durchschnitt über die vier Jahre liegt bei zehn Prozent.

Deutlichere Veränderungen gibt es bei der Art der Straftaten, die die Betroffenen angegeben haben. Zur Auswahl standen 22 verschiedene Straftaten. Bei den am häufigsten genannten Straftaten sind die Prozentwerte von 2026 gegenüber 2023 leicht rückläufig:<

Leichte Zuwächse gab es bei Identitätsdiebstahl, Love Scaming, Schadsoftware, Deep Fakes, Smishing und Manipulationen von KI-Anwendungen.

Bemerkenswert finde ich:

Über die statistischen Erkenntnisse hinaus eignet sich diese Liste mit den 22 Straftaten m.E. auch sehr gut als eine Diskussionsgrundlage in Seminaren, Übungsgruppen und Beratungsgesprächen.

Informations- und Schutzverhalten

Das gilt auch für die Fragen zum Informations-und Schutzverhalten. Zum Informationshalten heißt es:

Die genutzten Informationsquellen sind über die vergangenen vier Jahre unverändert:

Schutzmaßnahmen

Zum praktischen Verhalten wurde für 19 verschiedene Schutzmaßnahmen gefragt, ob diese bekannt sind und ob sie genutzt werden. Wie in den Vorjahren sind rund sechs Maßnahmen bekannt, von denen aber nur vier genutzt werden.

Bei vielen Maßnahmen ist ein bedenklicher Rückgang gegenüber der Befragung von 2023 zu verzeichnen:


Die Nutzung von Passwortmanagern ist mit 14 bis 15% über die Jahre gleich niedrig geblieben. 7% schützen sich, indem sie auf Onlinebanking verzichten und 3% auf Onlineshopping.

Gründe für den Verzicht auf Schutzmaßnahmen

Die größte praktische Relevanz haben de Antworten auf die Frage, warum nicht alle Schutzmaßnahmen genutzt werden:

Diese Befunde passen m.E. nicht zu dem Eigenlob der Präsidentin des BSI, die in einem Geleitwort sagt:"Viele Menschen wollen sich sicher online bewegen, brauchen dafür aber niedrigschwellige Informationen. Diese liefern wir – etwa indem wir Anleitungen für Sicherheitsmaßnahmen im digitalen Alltag bereitstellen und Lehrkräfte befähigen, das Thema in ihren Unterricht zu holen." Auch die Hinweise im Ausblick ziehen m.E. nicht die notwendigen Konsequenzen: "Wie schon im Vorjahr zeigte sich zudem: Am häufigsten benötigen Informationssuchende Handlungsempfehlungen für den Ernstfall. BSI und ProPK setzen daher ihre "Checklisten für den Ernstfall" fort: Zwei neue Checklisten erklären die wichtigsten Schritte für Betroffene von Identitätsdiebstahl sowie Betrug beim Online-Shopping. Auf den Websites von BSI und ProPK finden Betroffene zudem auch Hilfestellungen im Fall von u. a. einer Infektion mit Schadsoftware, Erpressung mit sexualisierten Inhalten oder Cybermobbing." Ich würde aus den Ergebnissen eher ableiten, dass die Daten zeigen, dass es nicht nur darum geht, Wissen zu verbreiten, sondern Verhalten zu ändern, was – wie wir aus den Bereichen Gesundheit und Umwelt wissen, mit Broschüren, Web-Seiten und Unterricht alleine nicht gelingt. Wie es gelingen könnte, weiss ich auch nicht. Aber ich würde Gesundheits- und Umweltpsychologen fragen.

Bundeslagebild Cybercrime- Deutschland 2025

Das Bundeslagebild Cybercrime ist ein jährlicher Auszug aus der Polizeilichen Kriminalstatistik. Ich habe erwartet, dass man darin die statistischen Daten zu den in der BSI-Umfrage genannten Straftaten findet. Weit gefehlt. Gleiche Wörter bedeuten noch lange nicht gleiche Sachverhalte. Als Cybercrime in der Polizeistatistik werden vor allem Ransomeware und Data-Extortion sowie Distributed Denial-of-Service (DDoS) & Hacktivismus betrachtet. Da geht es um organisierte Kriminalität und feindliche Nachrichtendienste, massive Angriffe auf Kommunen, große und auch kleinere Unternehmen und Lösegeldzahlungen, alles mit einer großen Dunkelziffer in Bezug auf die Anzahl der Angriffe und vor allemd ie Täter, die überwiegend aus dem Ausland angreifen und polizeilich oft nicht zu ermitteln sind. Mit den in der BSI Umfrage behandelten Straftaten hat das alles nicht viel zu tun. Da haben von den Opfern von Cyberkriminalität nur 2% Ransomsoftware und andere Erpressersoftware genannt.

Es ist ohne Zweifel interessant sich dieses Lagebild Cyberkriminalität für Unternehmen und Verwaltungen näher anzuschauen. Für die digitale Teilhabe im Alter und auch die Cybersicherheit von allen Verbraucherinnen und Verbrauchern kann man aus dieser Statistik nur indirekt drei Dinge lernen:

Irritation durch die BITKOM-Studie

Anfang letzten Jahres hatte BITKOM bereits einen Bericht über eine Umfrage mit dem Titel „Cyberkriminalität – Bevölkerungsumfrage zu Wahrnehmung, Erfahrungen und Schutzverhalten“ veröffentlicht, die ich mir im Lichte der BSI-/ProPK-Umfrage noch einmal angeschaut habe. Thematisch ist sie breiter angelegt und deckt auch die Einstellungen und Meinungen zu den in der Kriminalstatistik behandelten Angriffe auf Unternehmen und Verwaltungen, Annahmen über mutmaßliche Täter und Länder aus denen diese kommen u.a.m. ab. Sehr irritierend finde ich die sehr unterschiedlichen Daten zu den Fragen nach persönlicher Betroffenheit.

Alle anderen Erfahrungen liegen im einstelligen Prozentbereich, wie bei der anderen Umfrage. Überraschend ist, dass nach Erfahrungen mit Cyberkriminalität beim Onlinebanking nicht ausdrücklich gefragt wurde.

Ich kann mir den riesigen Unterschied beim Onlinehandel nicht erklären. Auch die BITKOM-Umfrage gibt an, auf einer repräsentativen Stichprobe aus 1.115 Personen ab 16 Jahre zu basieren. Dass hier die Einschränkung „deutschsprachig“ fehlt, ist wohl nur ein redaktionelles Versehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier auch nicht-deutschsprachige Personen befragt wurden und diese so viel häufiger Opfer von Betrug beim Onlinehandel geworden sind. Ich werde bei der BITKOM-Pressestelle einmal nachfragen.

Weitere Infos: