Zugang zu Videosprechstunden mit einem Arzt nun auch in Apotheken – Eine gute Idee?
Ein Artikel im Weser Kurier vom 28. September hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass mit dem Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung im Gesundheitswesen die Apotheken seit 1. Juli nicht nur weitere Impfungen, Schnelltests und Blutentnamen durchführen dürfen und die Arztpraxen so entlasten sollen. Sie dürfen auch als sogenannte assistive Telemedizin einen Zugang zu Videosprechstunden mit Ärzten in gesicherten Räumen anbieten und vermitteln. In Bremen soll das laut Weser Kurier die Alte Apotheke in Blumenthal als erste tun, in Niedersachsen sollen es bereits 32 Apotheken sein. Niedersachsens Gesundheitsminister Phiippi sieht in einem Video von Sat 1 Regional darin vor allem eine Entlastung der Notaufnahmen. Generell soll es Termine für Videosprechstunden schneller geben als für echte Sprechstunden. Eine gute Idee? - Wenn jemand grundsätzlich eine Videosprechstunde für eine erste ärztliche Einschätzung oder ein Rezept für geeignet hält, aber selbst keinen Computer und keinen Internetzugang hat, könnte der Zugang über eine Apotheke hilfreich sein, wenn es denn ein Angebot einer Apotheke in der Nähe gibt. Bei Bedarf hilft das Personal bei der Nutzung und die Eingabe kann in 58 Sprachen erfolgen, die dann ins Deutsche übersetzt werden. Aber zwei Mal „Wenn“! Schauen wir zuerst auf die Verbreitung und Nutzung von Videosprechstunden generell.
Videosprechstunden in Deutschland
In meinem Beitrag vom 1.Juli 2022 habe ich über einen Test der Stiftung Warentest von vier Plattformen für Videosprechstunden berichtet, der eine grundsätzlich positive Bewertung enthielt, unter dem Vorbehalt, dass viele für eine fundierte Diagnose wichtige Schritte wie Abtasten, Ultraschall und Blutabnahme online nicht erbracht werden können. In dem Beitrag vom 29.8. 2024 habe ich dann berichtet, dass die Krankenkassen zwar dafür werben, das Angebot auch steigt, aber die Nachfrage sinkt, auch weil die Angebote schwer zu finden sind. Das hat sich verbessert. In einem Artikel vom 4.12.2025 der Stiftung Warentest werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, Ärzte für eine Videosprechstunde zu finden:
„Portale wie Arzt-Direkt, Doctolib, Jameda oder Dr. Flex listen Ärzte auf, die Videosprechstunden anbieten. Oft können Versicherte über das Portal auch gleich einen Termin für die Videosprechstunde buchen. Ist der eigene Arzt dort schon gelistet, können Patienten über das Portal bei diesem eine Videosprechstunde buchen oder sich ansonsten einen anderen Behandler auswählen. Es kann sich aber lohnen, direkt beim vertrauten Arzt nachzufragen, ob er auch Videosprechstunden anbietet.“.
Auch viele Krankenkassen bieten die Vermittlung von Videosprechstunden an. In dem Beitrag werden auch Veränderungen aufgezeigt, die seit dem ersten Bericht zu verzeichnen sind. Bemerkenswert ist, dass von einem Anstieg der Nachfrage berichtet wird, aber von den vier 2022 getesteten Plattformen drei Jahre später nur noch eine das damalige Angebot fortführt. Eher als Kuriosität wird zu der Erweiterung der zugelassenen Zugangsorte ein Kaufland-Supermarkt in Baden-Württemberg erwähnt.
Nach Angaben des Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) ist die Anzahl der kassenärztlichen Videosprechstunden 2024 um fast 25% auf 2,7 Millionen gestiegen. Gemessen an den 579 Millionen erfassten Behandlungsfällen sind das allerdings nur 0,5 Prozent bzw. 5 Promille, so dass es sich auch nach zehn Jahren immer noch um ein Nischenangebot handelt. Und dass die Erweiterung auf Apotheken einen nennenswerten Anstieg der Nutzung bewirken kann, darf bezweifelt werden.
Das Dilemma des separaten Raums
Die Inhalte einer ärztlichen Videosprechstunde unterliegen besonderen Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen. Die Kommunikation muss über einen zertifizierten Plattformanbieter erfolgen. Im Falle der Apotheken muss für den Zugang ein besonderer Raum zur Verfügung gestellt werden. In dem oben erwähnten Video wird der Ablauf gut gezeigt. Rein technisch gesehen ist die Nutzung einer Videosprechstunden dort sehr viel sicherer als zu Hause mit dem Smartphone., auch die Möglichkeit die Angaben in der eigenen Muttersprache zu machen und das Angebot der Assistenz sind Pluspunkte. Aber dieser separate, schalldichte Raum ist gleichzeitig das größte Hindernis für die meisten Apotheken, ein solches Angebot zu machen. Die Apotheken, die ich kenne, haben gar keine Möglichkeit, einen solchen zusätzlichen Raum einzurichten oder müssten zumindest erhebliche Umbauarbeiten vornehmen. Ich sehe nicht, dass sich die Kosten dafür jemals rentieren, wenn pro Videokonferenz 30,00 Euro abgerechnet werden dürfen. Aber für die Alte Apotheke in Bremen-Blumenthal hat es sich gelohnt. Sie hat es so auf die erste Seite des Weser-Kurier geschafft. Eine gleich große Anzeige hätte ca. 8.000 Euro gekostet.
